Wasn da los? Folge 51: Das gebahnte Land



Ein dumpfer Schlag geht durch das Fahrwerk, der Kaffee schwappt fast aus dem Becherhalter: Schon wieder ein Schlagloch auf der Landstraße. Prompt setzt das Schimpfen ein – über marode Fahrbahnen, geflickten Teer und Baustellen, die den Feierabendverkehr bremsen. Doch wer einen Moment innehält, blickt auf eines der größten Wunder der Zivilisation: Ein lückenloses Netz aus feinem, grauem Asphalt überzieht den gesamten Kontinent. Dreispurige Autobahnen schneiden schnurgerade durch Gebirgsmassive und über Flusstäler, Passstraßen schlängeln sich auf zweitausend Meter Höhe, und selbst das abgelegenste Gehöft am Waldrand ist über eine befestigte Straße mit jedem Ort der Welt verbunden.

Wir gleiten mit 130 Kilometern pro Stunde im klimatisierten Sitz über den Boden, ohne zu realisieren, dass wir uns auf einem künstlichen Teppich bewegen, der die Gesetze der Landschaft schlichtweg ausgehebelt hat. Für fast die gesamte Menschheitsgeschichte war der Weg kein bequemer Belag, sondern ein unberechenbarer Gegner.

Jetzt springen wir 1385 Jahre zurück – in die Epoche der Merowingerzeit und des Frühmittelalters um das Jahr 641.

Ein hölzerner zweiachsiger Karren steht schief in einer tiefen Senke. Eines der eisenbeschlagenen Holzräder ist bis zur Nabe im zähen, grau-braunen Morast versunken. Was sich damals „Fernweg“ schimpft, ist nichts weiter als eine breite Erdtrasse, die von Hufen und Holzrädern zu einer unpassierbaren Schlammwüste zerwühlt wurde. Seit dem Zerfall der römischen Provinzen sind die gepflasterten Heerstraßen überwuchert, unterspült oder als Steinbruch geplündert worden. Wo Moor oder Sumpf das Weiterkommen versperren, schlagen die Siedler mit Äxten Baumstämme ins Unterholz: rutschige, faulende Knüppeldämme, auf denen Ochsen regelmäßig die Beine brechen.

Reisen bedeutete das ständige Risiko des Scheiterns. Brach fernab der Dörfer eine Holzachse, war die Fahrt zu Ende. Im Frühjahr und Herbst versank jeglicher Warentransport im Schlamm; schwere Lasten ließen sich oft nur im tiefsten Winter bewegen, wenn Frost den nassen Boden zu steinhartem Eis gefrieren ließ. Für Strecken, die wir heute in einer halben Stunde zurücklegen, brauchten Reisende damals zwei bis drei mühsame Tagesmärsche zu Fuß.

In den Erzählungen am Herdfeuer bricht Donnergott Thor auf seinem Streitwagen über die unwegsamen Höhenzüge herein. Gezogen von seinen gewaltigen Ziegenböcken Tanngrisnir und Tanngnjóstr zerschmettert er mit seinen Rädern Felsen und Geröll, wo kein sterblicher Mensch je einen Pfad finden würde. Und hoch über Midgard wölbt sich Bifröst, die dreifarbige Himmelsbrücke – der einzige fehlerfreie, unzerstörbare Weg, den die Götter einst mit Kunstfertigkeit und Magie fügten, um die Welten zu verbinden. Für die Menschen im Schlamm gab es keine Himmelsbrücken: Jeder gebahnte Schritt durch das Dickicht war ein mühsam errungener Sieg über die wilde Natur.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Auto federt sanft über die neu asphaltierte Autobahnauffahrt, die Reifen surren leise auf dem glatten Belag, und das Navigationssystem zählt lautlos die Kilometer herunter.

Wir ärgern uns über jede Bodenwelle und jeden Riss im Teer. Doch wenn uns glatte Asphaltbänder mühelos bis in den letzten Winkel der Erde tragen: Schätzen wir eigentlich noch das Privileg, niemals im Schlamm der Welt steckenbleiben zu müssen?


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