Wasn da los? Folge 26: Der Blitz in der Leitung
Der Wecker klingelt, die Augen brennen noch vom kurzen Schlaf. Ein schlaftrunkener Druck auf den Knopf der Kaffeemaschine: Das Mahlwerk surrt los, Wasser wird in Sekunden kochend heiß durch das Pulver gepresst, der Duft zieht durch die Küche. Ein Krümel fällt zu Boden – Stecker des Staubsaugers in die Wand, ein lautes Fauchen, weg ist er. Wir leben in einer Welt, in der rohe Naturkraft unsichtbar durch die Wände fließt. Energie steht bereit, immer, lautlos, unbegrenzt auf Abruf. Ein Handgriff genügt, und gigantische unsichtbare Räder drehen sich für unsere kleinste Bequemlichkeit.
Wir nehmen diesen Luxus als gegeben hin. Fällt der Strom für nur dreißig Minuten aus, geraten wir in Panik: Der Herd bleibt kalt, der Akku stirbt, die Zivilisation scheint stillzustehen. Doch fast die gesamte Geschichte hindurch war jede einzelne Handlung mit echtem Körperschweiß bezahlt.
Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – ins Hochmittelalter um das Jahr 900.
Der Morgen im Langhaus beginnt mit beißender Kälte. Kein warmer Dampf auf Knopfdruck. Wer warmes Wasser will, muss bei Eisregen zur Quelle stapfen, schwere Holzeimer schleppen und mit Feuerstein und Zunder minutenlang um einen Funken kämpfen. Das Heizen, das Kochen, das Säubern der Hütte – jede noch so kleine Erleichterung verlangt reine Muskelkraft. Der Boden wird nicht von einem Motor gereinigt, sondern mit einem groben Reisigbesen mühsam Bahn für Bahn vom Ruß befreit.
Am Himmel grollen dunkle Gewitterwolken über dem Fjord. Thor hebt dort oben seinen Hammer Mjölnir, und gleißende Blitze zucken über die Berge. Die Menschen am Boden werfen sich ehrfürchtig in den Staub. Für sie ist diese gewaltige Kraft unberechenbar, heilig und zerstörerisch. Thor lenkt den Donner, während die Sterblichen im Halbdunkel ihrer Hütte darauf hoffen, dass der Himmelsfunke nicht ihr Dach entzündet. Niemand hätte sich träumen lassen, dass diese göttliche Urgewalt jemals gezähmt, durch feine Drähte gejagt und dafür genutzt werden könnte, um Wasser zu kochen oder den Staub von den Dielen zu saugen.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Klickgeräusch, wenn die Maschine fertig durchgelaufen ist. Der heiße Becher liegt perfekt in der Hand.
Wir haben die Blitze der Götter in kleine Löcher in der Wand gesperrt. Doch wenn dir morgen die Steckdose verwehrt bliebe: Wie viel von deinem eigenen Alltag könntest du mit deinen eigenen Händen am Laufen halten?

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