Wasn da los? Folge 31: Die Brücke der Worte


Du gehst durch die Fußgängerzone, in Gedanken bei deinem Tag. Plötzlich tippt dir jemand auf die Schulter. Eine fremde Stimme fragt etwas auf Spanisch oder Französisch – du verstehst kein Wort. Doch die Verwirrung währt nur eine Sekunde. Ein kurzer Blick, ein Lächeln, und du antwortest wie selbstverständlich: „Do you speak English?“ Sofort wechselt der Fremde die Sprache. Zwei Sätze, eine kurze Wegbeschreibung, ein dankbares Nicken, und die Situation ist gelöst.

Ob auf Geschäftsreise in Tokio, im Urlaub auf Mallorca oder mitten in der eigenen Stadt: Wir überwinden Grenzen im Minutentakt. Eine gemeinsame Sprache reicht, um sich mit Milliarden Menschen zu verständigen. Und wenn das nicht klappt, übersetzt eine App auf dem Smartphone gesprochene Sätze in Echtzeit oder wir lernen per Klick eine neue Sprache auf der Couch. Wir haben die Barrieren zwischen den Völkern mit Worten eingerissen. Verständigung ist für uns ein müheloses Grundrauschen geworden.

Jetzt reisen wir 1150 Jahre zurück – an einen Handelsposten an den osteuropäischen Flüssen um das Jahr 875.

Am schlammigen Ufer machen zwei Langschiffe fest. Nordische Krieger und Händler treffen auf slawische Siedler und Kaufleute aus dem fernen Orient. Kein Mensch hier spricht die Zunge des anderen. Es gibt kein Englisch, kein Wörterbuch und keine Schule, die fremde Laute lehrt. Jedes Wort ist ein Risiko. Eine falsche Geste, ein missverstandener Tonfall, und aus einem Tauschhandel um Seide, Pelze und Silber wird in Sekundenschnelle ein blutiger Kampf auf Leben und Tod.

Verständigung läuft über Hände, Blicke und das Abwiegen von Silberstücken auf der Klappwaage. Im Schatten der Holzbohlen steht Bragi, der Gott der Beredsamkeit und Dichtkunst, mit wachem Blick. Er weiß um die Macht des Klangs. Neben ihm kreisen Odins Raben Hugin und Munin durch den aufsteigenden Rauch des Lagerfeuers, um jedes fremde Wort aufzufangen. Odin selbst, der Allvater, durchwanderte einst alle neun Welten, um die Weisheit fremder Zungen zu ergründen. Für die Menschen am Flussufer ist jede gelungene Unterredung ein kleines Wunder, das mühsam errungen werden muss. Wer die Sprache des Nachbarn verstand, war kein Tourist – er war ein Vermittler zwischen zwei völlig getrennten Welten.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Der Fremde bedankt sich mit einem warmen „Thank you so much!“ und verschwindet in der Menge.

Wir haben heute die Werkzeuge, um mit fast jedem Menschen auf diesem Planeten zu sprechen. Doch wenn die Worte so leicht fließen und jede Sprache übersetzbar ist: Verstehen wir uns dadurch eigentlich besser – oder reden wir nur schneller aneinander vorbei?


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