Wasn da los? Folge 50: Die geborgte Schärfe
Das Kleingedruckte auf der Medikamentenpackung verschwimmt zu einer grauen Wolke, die Augen brennen, die Buchstaben tanzen. Früher ein Grund zur Verzweiflung, heute eine Sache von zwei Sekunden: Griff ins Etui, Brille auf die Nase geschoben – und die Welt springt in messerscharfe Konturen zurück. Liegt das Gestell zu Hause oder ist im Rucksack zerbrochen, greift man im Discounter an der Kasse für vier Euro nach einer Lesebrille mit passender Dioptrienzahl. Der Optiker vermisst die Hornhaut mit Laserpräzision auf Hundertstelmillimeter, und wer überhaupt keine Gläser mehr tragen will, lässt sich die Fehlsichtigkeit in einem zehnminütigen Eingriff einfach weglasern.
Klare Sicht ist für uns ein billiges Konsumgut geworden. Wir wechseln Gestelle passend zur Kleidung und betrachten 100 Prozent Sehkraft als unverrückbares Grundrecht. Doch fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch bedeutete das Nachlassen der Augen den unwiderruflichen Abschied von Selbstständigkeit und handwerklichem Geschick.
Jetzt springen wir 1046 Jahre zurück – in die Epoche der Wikingerzeit um das Jahr 980.
In der dämmrigen Ecke eines Langhauses sitzt ein alternder Holzhandwerker. Seine Hände sind voller Schwielen, seine Erfahrung unersetzlich – doch vor seinen Augen liegt seit Monaten ein milchiger Schleier. Die Alterssichtigkeit oder der Graue Star fressen unbarmherzig jede Präzision. Seine Schnitzmesser verfehlen die feinen Linien der Runen, beim Zusammenfügen der Planken verschwimmen die Fugen, und in der Dämmerung erkennt er die Gesichter seiner Enkel nur noch als schemenhafte Flecken. Es gibt keine geschliffenen Linsen, keine Sehhilfen und keine rettende Operation. Wer in dieser rauen Welt seine Sehkraft verlor, konnte keine Netze mehr knüpfen, keine Pfeile mehr zur Jagd führen und kein Unkraut mehr vom Getreide trennen. Fading Eyesight bedeutete, schleichend zur Last für die Sippe zu werden, angewiesen auf das Wohlwollen der Gemeinschaft.
In den Hallen von Asgard thront der blinde Gott Höd – eine tragische Mahnung an die existenzielle Verletzlichkeit des Nicht-Sehens. Weil seine Augen das Licht nicht greifen konnten, nutzte der tückische Loki seine Blindheit aus, führte seine Hand und machte ihn zum unwillentlichen Mörder seines geliebten Bruders Baldur. Daneben steht der Allvater Odin, der an Mimirs Brunnen freiwillig ein physisches Auge als Pfand opferte, um im Gegenzug innere Weisheit und Weitsicht zu erlangen. Den einfachen Sterblichen jedoch brachte ein erblindendes Auge keine göttliche Gabe, sondern das langsame, bittere Versinken in einer immer dunkler werdenden Welt.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das leichte Titangestell sitzt kaum spürbar auf der Nase, jeder Grashalm im Park zeichnet sich gestochen scharf ab.
Wir haben das biologische Altern unserer Augen mit Technik und Glas überlistet. Doch wenn uns die Welt so makellos und detailreich zu Füßen liegt: Nutzen wir diese Schärfe, um wirklich hinzusehen – oder übersehen wir trotz perfekter Sicht das Wesentliche um uns herum?

Kommentare
Kommentar veröffentlichen