Wasn da los? Folge 49: Gekaufte Todesangst
Ein Schritt vor an die Kante der Brücke. Unter dir gähnt eine hundert Meter tiefe Schlucht. Der Countdown läuft: Drei, zwei, eins – Absprung. Der Magen schießt in die Kehle, der Fahrtwind reißt an den Wangen, das Adrenalin flutet den Körper mit purer Panik. Einen Wimpernschlag vor dem Aufprall strafft sich das Bungee-Seil, federt dich sanft ab und katapultiert dich wieder nach oben. Mit zitternden Knien, aber einem breiten Grinsen hängst du in den Gurten: Was für ein Kick!
Ob Fallschirmsprung, Canyoning, Downhill-Biken an steilen Felswänden oder Survival-Wochenenden im Wald: Wir investieren viel Geld und Freizeit, um unser Herz zum Rasen zu bringen. Unser Alltag ist so gepolstert, warm und sicher geworden, dass der Körper vor Reizarmut fast einschläft. Alles ist versichert, doppelt geprüft und mit Sicherheitszertifikaten versehen. Wir kaufen uns die Illusion der Lebensgefahr auf Rechnung, um für zehn Sekunden zu spüren, dass wir überhaupt noch leben. Doch wenn das nackte Überleben keine Herausforderung mehr darstellt – suchen wir dann den Kick aus purer Langeweile?
Jetzt springen wir 1766 Jahre zurück – in die Epoche der Römischen Kaiserzeit und Germanischen Eisenzeit um das Jahr 260.
Dichter Frühnebel wabert über den feuchten Waldboden. Ein junger Jäger kniet im feuchten Moos, die Finger fest um den Eschenschaft einer eisernen Lanze geschlossen. Sein Herz hämmert gegen die Rippen, der Atem geht stoßweise – doch hier gibt es kein Sicherungsseil, keinen doppelten Boden und keinen Instruktor. Zwanzig Schritt vor ihm bricht das Unterholz krachend auseinander: Ein massiver Keiler bricht hervor, getrieben von Wut, die messerscharfen Hauer voller Schlamm.
Der Mann muss den Stoß setzen. Sitzt die Spitze nicht millimetergenau, zerreißen die Hauer seine Oberschenkelarterie. Ein einziger Fehltritt im schmierigen Lehm bedeutet Verkrüppelung oder einen qualvollen Wundstarrkrampf. In dieser Welt suchte niemand nach künstlicher Gefahr. Der Adrenalinstoß war kein Wochenendvergnügen, sondern der biologische Notfallmechanismus, um die nächste Stunde lebend zu überstehen. Hunger, Raubtiere, eisige Winter und plötzliche Überfälle hielten die Sinne der Menschen dauerhaft auf rasiermesserscharfer Spannung.
In den Mythen der germanischen Stämme ringt Thor nicht aus Zeitvertreib mit den Urgewalten. Als er die gewaltige Midgardschlange Jörmungandr mit einem Ochsenkopf an die Angel lockte und mit ihr bis aufs Blut kämpfte, stand das Schicksal ganz Midgards auf dem Spiel. Und die gefürchteten Krieger, die sich im heiligen Zorn – dem göttlichen Rausch Odins – ohne Rüstung in die Schlacht stürzten, suchten keinen sportlichen Rekord. Sie weihten ihr Leben dem Allvater, weil der Tod an jeder Wegbiegung lauerte und nur unerschütterlicher Mut vor dem Schandfleck der Feigheit rettete.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Der Karabinerhaken klickt lautlos auf, das Seil wird gelöst, und der Extremsportler nimmt im Basislager einen Schluck aus der Thermoskanne.
Wir haben die echte Todesgefahr aus unserem Leben verbannt und als Freizeitvergnügen mit Rücktrittsversicherung neu erfunden. Doch wenn wir erst aus Flugzeugen stürzen müssen, um das Leben intensiv zu spüren: Wie lebendig ist ein Alltag wirklich, der jede echte Bewährungsprobe im Keim erstickt?

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