Wasn da los? Folge 48: Die Welt im Einband
Die Beine auf der Couch ausgestreckt, eine dampfende Tasse Tee neben dir, das Licht der Leselampe warm über die Seiten geneigt. Ein Buch aufzuschlagen ist für uns der Inbegriff von Feierabend und Ruhe. Ob ein fesselnder Thriller, eine historische Saga, ein Sachbuch über Quantenphysik oder ein Sprachführer für die nächste Reise: Jedes erdenkliche Wissen und jede erfundene Welt stehen für ein paar Euro im Regal, lagern kostenlos in der Stadtbücherei oder laden in Sekundenschnelle als Datei auf den E-Reader.
Wir begreifen das Lesen als private, fast beiläufige Selbstverständlichkeit. Wir überfliegen Seiten im Zug, vertreiben uns die Zeit am Strand oder bilden uns autodidaktisch weiter. Doch die Idee, dass gewöhnliche Menschen sich zur reinen Entspannung in ein Buch vertiefen können, grenzt historisch betrachtet an ein Wunder. Über Jahrtausende hinweg war das geschriebene Wort selten wie Edelstein, gehütet hinter dicken Mauern und für das einfache Volk vollkommen unzugänglich.
Jetzt springen wir 1180 Jahre zurück – in die Epoche des Frühmittelalters und der Karolingerzeit um das Jahr 846.
In der zugigen Schreibstube eines Klosters herrscht eisige Stille. Ein Mönch sitzt mit klammen, blau gefrorenen Fingern an einem schrägen Holzpult. Bei rußendem Kerzenlicht führt er einen geschärften Gänsekiel millimetergenau über raues Kalbspergament. Für einen einzigen Codex – ein einziges Buch – muss die Haut einer ganzen Viehherde monatelang geschabt, gespannt und geglättet werden. Die Tinte wird mühsam aus Galläpfeln, Ruß und Wein eingekocht. Ein talentierter Schreiber braucht Monate, oft Jahre, um ein einziges Werk Buchstabe für Buchstabe fehlerfrei zu kopieren. Ein solches Buch ist so kostbar wie ein stattliches Gehöft samt Gesinde.
Außerhalb dieser Klostermauern kann fast niemand lesen oder schreiben. Für die Menschen in den Tälern und Wäldern existieren keine Bücher. Ihr gesamtes Wissen – Gesetze, Ahnentafeln, Heilkunde und Lieder – lebt allein in der Erinnerung der Ältesten und Skalden. Stirbt ein Geschichtenerzähler, stirbt eine ganze Bibliothek. Wenn Runen geritzt werden, dann mit dem Messer in Buchenholz, Knochen oder harte Felsblöcke: kurze, wuchtige Zeichen für Götterweihen, Grabmale oder magische Schutzformeln, aber niemals als seichte Lektüre zum Einschlafen.
In den Mythen des Nordens war Wissen kein bequemes Konsumgut, sondern verlangte das ultimative Opfer. Odin, der Allvater, hing neun Tage und Nächte im sturmgepeitschten Weltenbaum Yggdrasil – verwundet vom eigenen Speer, hungernd und dürstend –, um im Todeskampf die Runen aus der Tiefe zu reißen. Am Fuße des Weltenbaums gab er ein Auge an Mimirs Brunnen, nur um einen einzigen Schluck aus der Quelle der Weisheit zu trinken. Und am kühlen Strom saß Saga, die Göttin der Erzählung, die mit Odin aus goldenen Schalen trank und die Taten der Vorzeit im Gedächtnis bewahrte. Wissen war heilig, gefährlich und teuer bezahlt.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Papier raschelt sanft beim Umblättern, die Buchseite wird mit einem Stoffband markiert.
Wir besitzen die gesammelten Gedanken der Menschheit auf Knopfdruck in unseren Wohnzimmern. Doch wenn uns jede Geschichte und jede Sprache mühelos zu Füßen liegt: Nutzen wir diesen Schatz, um unseren Geist zu weiten – oder lassen wir die Seiten zuschlagen, während wir uns im Rauschen flüchtiger Bildschirme verlieren?

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