Was’n da los? Folge 45: Kein Platz zum Verschwinden


Der Schritt vor die Haustür führt direkt in den Trubel. Auf den Gehwegen drängen sich Menschen, an der roten Ampel stauen sich die Fahrräder, im Park ist jede einzelne Bank belegt. Wer am Wochenende rausfährt, um einfach mal den Kopf freizubekommen und die Natur zu genießen, steht auf dem Wanderparkplatz im Stau. Kaum ist man zweihundert Meter auf dem Forstweg unterwegs, tauchen Mountainbiker auf, Spaziergänger mit Hunden kreuzen den Pfad, und am Aussichtspunkt drängen sich Ausflügler für das nächste Smartphone-Foto.

Acht Milliarden Menschen teilen sich diesen Planeten. Städte wachsen unaufhaltsam in die Breite und Höhe, Vororte verschmelzen nahtlos miteinander, und selbst der abgelegenste Wald ist forstwirtschaftlich erschlossen, kartografiert und mit Wanderschildern versehen. Einen Ort zu finden, an dem man für eine Stunde garantiert keiner Menschenseele begegnet, ist zum seltensten Gut geworden. Der Raum schrumpft, während der Drang nach echtem Rückzug wächst.

Jetzt springen wir 1950 Jahre zurück – in die Epoche der Römischen Kaiserzeit und Germanischen Eisenzeit um das Jahr 76.

Vor dir erstreckt sich der Herkynische Urwald – ein schier endloses Meer aus uralten Eichen, Buchen und undurchdringlichem Dickicht. Wer hier vom schmalen Pfad abweicht, tritt in eine Welt, die den Menschen vollkommen vergessen hat. Du kannst tagelang, ja wochenlang nach Norden oder Osten wandern, ohne einer einzigen menschlichen Siedlung zu begegnen. Keine Zäune, keine Straßen, kein einziger Hinweis darauf, dass jemand vor dir diesen Boden betreten hat. Der Raum ist nicht knapp – er ist überwältigend, gigantisch und bisweilen furchterregend groß. Die Einsamkeit war damals kein Privileg, das man verzweifelt suchte, sondern ein Zustand, der den Menschen Demut lehrte. Wer in dieser Weite verloren ging, verschwand für immer.

In dieser weiten Wildnis thront Vidar, der schweigende Gott. Sein Wohnsitz ist Landvidi – das weite Land, überwuchert von dichtem Gestrüpp, hohem Gras und uralten Bäumen. Vidar spricht kein Wort; er verkörpert die ungezähmte Naturkraft, die tief in der Stille und der weiten Einöde ruht. Hoch über den bewaldeten Bergkämmen herrscht Skadi, die Göttin der Berge und der Bogenjagd, in ihrem einsamen Reich Thrymheim. Die Menschen damals wussten, wie klein sie waren. Sie rückten in ihren winzigen Siedlungen am Waldrand zusammen, weil die unendliche Weite draußen den Menschen wie ein Staubkorn verschlucken konnte.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Eine Straßenbahn quietscht in der Kurve, Menschenströme ziehen an den Schaufenstern vorbei, und überall flirrt Bewegung.

Wir haben die endlose Wildnis gerodet und den gesamten Globus bis auf den letzten Winkel besiedelt. Doch wenn kein Raum mehr bleibt, um sich einfach mal unsichtbar zu machen: Fehlt uns die echte Einsamkeit – oder hätten wir vor der wahren Stille der Vorzeit heute viel zu viel Angst?


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