Wasn da los? Folge 44: Worte mit Lichtgeschwindigkeit


Ein Daumentippen auf der Tastatur, das Absende-Symbol berührt – 40 Millisekunden später leuchtet das Display des Empfängers auf. Egal ob im Nachbarzimmer oder auf der anderen Seite des Globus: Die Nachricht wandert als gebündelter Lichtblitz durch Glasfaserkabel auf dem Meeresgrund. WhatsApp, Signal, Slack, Instagram-DMs, SMS, E-Mail. Wir sind über ein halbes Dutzend Kanäle gleichzeitig vernetzt, schicken halbgare Gedanken, Emojis und Sprachmemos im Minutentakt ab und erwarten fast reflexartig eine Antwort, noch während wir die App wechseln. Die Kommunikation ist so schwerelos geworden, dass Worte kaum noch Zeit haben, überhaupt gedacht zu werden.

Wir haben Raum und Zeit in der Übertragung vollständig aufgelöst. Distanz existiert für Informationen nicht mehr. Doch fast die gesamte Geschichte der Menschheit hindurch war jede Nachricht an Materie, Schweiß und das Risiko des Scheiterns gebunden.

Jetzt springen wir 1650 Jahre zurück – in die Epoche der Spätantike und der beginnenden Völkerwanderungszeit um das Jahr 376.

Auf einer kahlen Anhöhe über dem Flusslauf kauert ein Späher im eisigen Wind. Ein fremder Kriegszug naht, Höfe stehen in Brand. Um die Siedlungen im Hinterland zu warnen, gibt es kein Netz und keine Tastatur. Das schnellste Werkzeug über Distanzen ist eine Kette aus Signalfeuern: Holzhaufen, getränkt mit Pech, die von Hügelkuppe zu Hügelkuppe entzündet werden. Doch die Methode ist fragil. Zieht dichter Nebel auf, peitscht Regen gegen die Fackeln oder schläft ein Wachposten vor Erschöpfung ein, bricht die Signalkette lautlos zusammen. Jede detaillierte Nachricht – wer kommt, wie viele es sind, wo Hilfe gebraucht wird – verlangt Fleisch und Blut: einen Reiter auf einem schnellen Hengst, der durch unwegsames Dickicht galoppiert, bis die Lungen des Tiers brennen und die Hufe splittern.

In den Mythen der nordischen Völker existiert nur einer, der diesen Wettlauf gegen die Zeit gewinnen kann: Hermod der Schnelle, Odins wagemutiger Bote. Als der Lichtgott Baldur starb, schwang Hermod sich auf Sleipnir, das achtbeinige Ross des Allvaters, und ritt neun Tage und Nächte ohne Rast durch finstere Abgründe bis in die Unterwelt Hel, um eine Botschaft zu überbringen. Selbst für die Götter war das Überwinden von Entfernungen ein titanischer Kraftakt. Wer damals eine Nachricht sandte, wählte jedes Wort mit Bedacht, denn es kostete Tage, Mühe und vielleicht das Leben des Boten, bis es den Adressaten erreichte.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Display sperrt sich mit einem leisen Klicken, nur um zwei Sekunden später mit dem nächsten Ton aufzuleuchten.

Wir schleudern unsere Gedanken in Lichtgeschwindigkeit um die Erde. Doch wenn Worte so billig und schnell geworden sind: Sagen wir uns dadurch wirklich mehr – oder tippen wir nur immer rascher aneinander vorbei?


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