Wasn da los? Folge 42: Der gezähmte Funke


Ein kurzes Reiben der Streichholzkuppe, ein beiläufiger Klick am Stabfeuerzeug – und schon tanzt eine gelbe Flamme. Zwei Kerzen auf dem Couchtisch tauchen den Raum in weiches, romantisches Licht. Wenn es draußen ungemütlich wird, landet ein weißer Anzündwürfel im Kaminofen, und Minuten später knackt trockenes Buchenholz hinter der hitzebeständigen Glasscheibe. Im Sommer fließt etwas Grillanzünder über die Holzkohle, und der Grillabend läuft.

Feuer ist für uns zu einem Spielzeug des Komforts geworden. Wir knipsen Flammen an wie Glühbirnen, nutzen Hitze für Atmosphäre, Duftöle oder die perfekte Bratwurst und löschen sie mit einem Handgriff wieder. Wir haben völlig vergessen, dass die Beherrschung des Feuers einst der härteste, existenziellste Kampf des menschlichen Alltags war.

Jetzt springen wir 1850 Jahre zurück – in die Epoche der Römischen Kaiserzeit und Germanischen Eisenzeit um das Jahr 170.

In einer niedrigen Lehmhütte im feuchten Flachland schlägt beißende Kälte durch die Ritzen. Der Raum ist stockdunkel, die Atemluft gefriert. In der Herdgrube in der Mitte des Hauses ist die Asche kalt – die Glut der Nacht ist erloschen. Ein Unglück, das die gesamte Familie in Gefahr bringt. Wer hier Wärme oder Licht braucht, drückt keinen Knopf. Auf den Knien beginnt ein mühsamer, schmerzhafter Kampf. Mit klammen, zitternden Fingern schlägt der Mann ein Stück Feuerstein gegen ein geschmiedetes Schlageisen. Ein Funke muss treffen – genau auf den trockenen Zunderschwamm. Behutsam, mit angehaltenem Atem, wird das glimmende Pünktchen in ein Nest aus dürrem Gras gelegt und sanft angeblasen. Ein Hustenanfall, ein falscher Windzug oder feuchtes Holz, und die Arbeit von einer halben Stunde ist vergebens.

Deshalb hüteten die Menschen das Feuer wie ihr eigenes Leben. Am Abend wurde die heiße Asche sorgsam über die Scheite gehäuft, um den Glutkern bis zum Morgen zu retten. In den Mythen der Vorväter regiert Logi, die unbändige, gefräßige Urgewalt der Flamme, die in Minuten ganze Wälder verschlingt. Aus dem glühenden Muspellheim droht der Feuerriese Surtr mit seinem lodernden Schwert. Thor schleudert das Himmelsfeuer im Blitz, doch die kleine Flamme im Herd war der einzige Schutzwall der Sippe gegen die tödliche Kälte der Eisriesen. Erlosch der Herd, erlosch das Zentrum des Hauses.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Streichholz erlischt mit einem dünnen Rauchfaden, während die Kerzenflamme ruhig brennt.

Wir entzünden Glut in Sekundenbruchteilen für Gemütlichkeit und Fleischspieße. Doch wenn uns das Feuer so völlig mühelos gehorcht: Haben wir den Respekt vor der uralten Urgewalt verloren, die die Menschheit überhaupt erst durch die Dunkelheit getragen hat?


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