Wasn da los? Folge 41: Fremde Nachbarn


Aus dem Fenster im ersten Stock weht der Duft von geröstetem Kreuzkümmel, während zwei Türen weiter eine Bratwurst brutzelt. Auf dem Spielplatz im Innenhof rufen Kinder durcheinander – auf Deutsch, Arabisch und Ukrainisch. Ein Straßenfest bringt Menschen zusammen, die in völlig unterschiedlichen Traditionen, Religionen und Wertvorstellungen aufgewachsen sind. Manchmal funktioniert das Zusammensein reibungslos bei einem gemeinsamen Teller Essen. Doch oft knirscht es: Missverständnisse im Hausflur, Lärmkonflikte, fremde Lebensentwürfe, die auf gewohnte Regeln prallen. Je voller und enger die Welt wird, desto spürbarer wird die Reibung.

Kulturelle Vielfalt ist keine romantische Selbstverständlichkeit, sondern tägliche, anstrengende Aushandlung. Wir leben heute in Nachbarschaften, in denen völlig unterschiedliche Weltanschauungen Wand an Wand existieren. Doch während wir mühsam um Toleranz, Kompromisse und gemeinsame Spielregeln ringen, bedeutete das Aufeinandertreffen fremder Kulturen über Jahrhunderte hinweg fast immer den nackten Zusammenprall auf Leben und Tod.

Jetzt springen wir 1570 Jahre zurück – in die Epoche der Völkerwanderungszeit um das Jahr 450.

Am Rande einer verfallenden römischen Provinzsiedlung stehen sich zwei Gruppen im Schlamm gegenüber. Römische Kolonen, die seit Generationen an gepflasterte Straßen, geschriebene Verträge und gemauerte Villen gewöhnt sind, blicken auf neu angesiedelte germanische Föderaten. Die Neuankömmlinge tragen Wollmäntel, sprechen eine raue, unverständliche Zunge und regeln Streitigkeiten nach Sippenrecht statt nach römischem Gesetz. Zwei völlig fremde Welten prallen auf engstem Raum aufeinander. Wer die Bräuche des anderen nicht teilt, gilt dem einen als zügelloser Barbar, dem anderen als verweichlichter Unterdrücker. Misstrauen liegt wie Reif über jedem gemeinsamen Marktgang. Ein falscher Schritt, ein verletzter Ehrenkodex, und aus mühsam geduldeter Nachbarschaft wird Asche und Blut.

In den uralten Mythen des Nordens spiegelt sich genau dieser existenzielle Konflikt im ersten Krieg der Welten: dem Kampf zwischen den stolzen, kriegerischen Asen und den naturverbundenen, weisen Wanen. Es waren zwei Göttergeschlechter mit völlig verschiedenen Kulturen und Ritualen. Sie schlugen tiefe Wunden in die Mauern ihrer Burgen, bis beide Seiten begriffen, dass der endlose Kampf nur Trümmer hinterlässt. Sie schlossen Frieden, tauschten Geiseln aus – Njord, Freyr und Freyja zogen zu den Asen – und spuckten gemeinsam in ein Gefäß. Aus dieser vereinten Mischung ihrer Wesen schufen sie Kvasir, das weiseste Wesen der Welt. Die Götter lehrten die Menschen damit eine harte Wahrheit: Echte Erkenntnis und Beständigkeit entstehen erst dort, wo man die Andersartigkeit des Gegners erträgt und ihn am eigenen Tisch Platz nehmen lässt.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Auf dem Hof leeren sich die Bänke, jemand reicht dem Nachbarn ein Stück Kuchen über den Holztisch, während die Dämmerung einsetzt.

Wir teilen diese eng gewordene Erde mit Milliarden Menschen verschiedenster Herkunft. Wenn das Miteinander wieder einmal schwerfällt und die Unterschiede trennen: Beharren wir stur auf der eigenen Festung – oder haben wir den Mut, aus dem Aufeinandertreffen der Welten gemeinsame Weisheit wachsen zu lassen?


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