Wasn da los? Folge 40: Der Anker im Unsichtbaren
Naturgesetze erklären das Universum, Teleskope blicken bis an den Rand der Galaxien, und die Wissenschaft liefert für fast jedes Phänomen eine nüchterne Formel. Die Kirchen leeren sich, der Zweifel hat Hochkonjunktur. Und doch bleibt in jedem von uns dieser leise Raum für das Nicht-Messbare: Ob traditionelles Gebet, Meditation, uralte Naturspiritualität oder der feste Entschluss, an das Gute im Menschen zu glauben – du entscheidest völlig frei, woran du dein Herz hängst. Niemand zwingt dir ein Dogma auf. Wenn das Leben aus den Fugen gerät, eine Diagnose trifft oder der Boden unter den Füßen wankt, wird der Glaube zum rettenden Anker. Gleichzeitig zeigt die Welt ihre dunkle Fratze, wenn Eiferer ihren Glauben zur Waffe machen und im Namen eines Schöpfers Hass und Gewalt säen.
Wir betrachten Gedanken und Glaubensfreiheit heute als unverletzliches Menschenrecht. Niemand darf dir vorschreiben, wie dein persönlicher Draht zum Kosmos aussieht. Doch die Freiheit, den eigenen Gott ohne Angst vor Schwert und Verfolgung zu wählen, war über Jahrtausende im Blut von Religionskriegen ertränkt.
Jetzt springen wir 1250 Jahre zurück – in die Epoche des Frühmittelalters um das Jahr 775.
Im dichten Dickicht der germanischen Wälder brennt die Irminsul, das uralte Baumheiligtum, während der Rauch verbrennender Haine in den grauen Himmel steigt. Der Schatten der Sachsenkriege liegt über dem Land. Fanatismus marschiert mit gezogenem Schwert: Wer sich weigert, die alten Götter abzuschwören und das fremde Kreuz anzunehmen, verliert Besitz, Freiheit oder das Leben. Für die Menschen des Nordens war Glaube bis dahin kein starres Buch mit unumstößlichen Dogmen, sondern ein gelebtes Geflecht mit den Kräften der Natur. Man glaubte nicht aus Pflicht, sondern weil die Welt von Geistern, Riesen und Göttern durchwirkt war.
Am Fuß des Weltenbaums Yggdrasil sitzen die drei Nornen – Urd, Verdandi und Skuld. Unbeirrbar spinnen sie an der Urquelle den Lebensfaden jedes Sterblichen und jedes Gottes. Selbst Odin, der Allvater, beugt sich dem Schicksal, dem Wyrd. Er verlangte von den Menschen keine blinde Unterwerfung, sondern Mut, Klugheit und die Entschlossenheit, dem eigenen Schicksal erhobenen Hauptes entgegenzutreten. Doch wenn Fanatiker das Heilige instrumentalisieren und das Töten zur göttlichen Pflicht verklären, verkümmert der Glaube von einer Quelle des Trostes zu einem Werkzeug der Zerstörung.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Eine Kerze flackert still im Zimmer, während draußen der Alltagslärm vorüberzieht.
Wir dürfen heute an alles oder an gar nichts glauben, ohne dass ein Jarl oder Inquisitor unser Urteil fällt. Doch wenn dir alle Freiheiten offenstehen: Suchst du im Glauben nach einem Anker, der dir Kraft schenkt – oder nach einer Waffe, um dich über andere zu stellen?

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