Wasn da los? Folge 39: Wo die Liebe hinfällt


Zwei Männer halten entspannt Händchen beim Spaziergang durch den Stadtpark, zwei Frauen stoßen auf dem Standesamt auf ihre Hochzeit an, oder jemand entscheidet sich ganz bewusst für ein Leben ohne feste Partnerschaft. Ein kurzer Kuss an der Fußgängerampel, ein gemeinsames Foto im Profil – für den Großteil unserer Gesellschaft ist das gelebter Alltag. Niemand braucht die Erlaubnis eines Dorfältesten, um mit dem Menschen zusammenzusein, für den das Herz schlägt.

Wir betrachten die Liebe als das privateste und freieste Gut überhaupt. Wer wen liebt, wie ein Paar zusammenlebt oder welches Lebensmodell gewählt wird, entscheidet jedes Individuum für sich allein. Gesetzlicher Schutz, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Offenheit haben die Liebe von alten Zwängen befreit. Doch die Idee, dass eine Partnerschaft ausschließlich auf persönlicher Zuneigung und freier Wahl beruht, ist historisch betrachtet eine absolute Ausnahme.

Jetzt springen wir 1450 Jahre zurück – in die Epoche der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters um das Jahr 570.

In der dämmrigen Halle eines Gehöfts sitzen sich zwei Sippenoberhäupter an einem schweren Holztisch gegenüber. Zwischen ihnen stehen Trinkhörner, gewogenes Silber und Verträge über Landrechte und Rinder. Die Ehe, die hier beschlossen wird, hat nichts mit Herzklopfen oder Verliebtheit zu tun. Eine Verbindung ist ein politisches und wirtschaftliches Zweckbündnis. Wer heiratet, verknüpft Höfe, beendet Fehden oder sichert das blanke Überleben der Familie. Eine Abweichung von der starren Rolle – sei es durch die Weigerung zu heiraten oder durch Neigungen abseits des vorgegebenen Rahmens – gefährdet die Nachkommenschaft des Hofes und wird von der Sippe nicht geduldet.

Über dem rauchigen Herdfeuer wacht Frigg, die Hüterin der Ehegelübde, der Sippenordnung und des Hausfriedens. Sie steht für die unerbittliche Pflicht, den Hof und die Blutlinie durch den harten Winter zu bringen. Doch durch die Schatten der Balken streift Freyja, die Göttin der ungezähmten Leidenschaft und der freien Liebe, die sich keinen irdischen Gesetzen unterwirft. Die Mythen erzählen von Göttern, die starre Grenzen überschreiten: Odin selbst erlernte die Magie des Seidr, die traditionelle Rollenmuster brach, und Loki wandelte fließend zwischen den Gestalten. Die alten Geschichten wussten um die unberechenbare Kraft der menschlichen Gefühle – doch im harten Alltag zählten allein das Weiterbestehen des Stammes und das ungeschriebene Gesetz der Sippe.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Paar an der Ampel geht Hand in Hand weiter, die Fußgängerzone füllt sich mit Leben.

Wir haben uns das Recht erkämpft, ohne Furcht zu lieben, wen wir wollen. Doch wenn diese Freiheit so selbstverständlich geworden ist: Wissen wir eigentlich noch zu schätzen, welch kostbares Gut es ist, das eigene Herz nicht mehr den Interessen einer Sippe opfern zu müssen?


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