Wasn da los? Folge 38: Hüter der Ordnung
Bässe dröhnen aus einer tragbaren Musikbox an der Straßenecke, jemand blockiert dreist deine Ausfahrt, und im Supermarkt rennt ein Ladendieb an den Kassen vorbei. Der Puls steigt, die Wut kocht hoch. Doch statt selbst einzugreifen oder zur Selbstjustiz zu greifen, genügt ein Griff zum Smartphone: Drei Ziffern – 110. Wenige Minuten später rollt der Streifenwagen heran, Uniformierte steigen aus, nehmen Personalien auf und stellen die Ordnung sachlich wieder her.
Wir leben in einer Welt, in der wir Sicherheit und Konfliktlösung vollständig an den Staat delegiert haben. Für jede Ruhestörung, jede Sachbeschädigung und jeden Streitfall existieren Paragrafen, neutrale Gerichte und eine bewaffnete Exekutive. Niemand muss sein Recht mit der Faust auf der Straße durchsetzen. Das Gewaltmonopol nimmt uns die Last ab, für Recht und Ordnung persönlich den Kopf hinhalten zu müssen.
Jetzt springen wir 1700 Jahre zurück – in die Epoche der Römischen Kaiserzeit und germanischen Eisenzeit um das Jahr 320.
In der Siedlung nahe dem Urwald bricht am Morgen ohrenbetäubender Lärm los. Ein Nachbar hat im Schutz der Nacht Getreide aus der Vorratsgrube gestohlen, ein anderer hat eigenmächtig Grenzsteine auf der Waldweide versetzt. Doch hier gibt es keine Stadtwachen, keine Beamten und keine Notrufnummer. Wer bestohlen oder gekränkt wird, kann niemanden rufen. Recht ist keine unpersönliche Behörde, sondern die reine Schutz- und Schlagkraft deiner eigenen Sippe. Wer den Schaden schweigend hinnimmt, gilt als schwach und wird zur leichten Beute für den nächsten Übergriff.
Um zu verhindern, dass jeder Funke in einer endlosen Blutfehde endet, tritt der Stamm unter freiem Himmel zum Thing zusammen. Zwischen mächtigen Eichen verhandeln die freien Männer mit Speeren und Schilden über Wergeld – die Buße in Rindern, Eisen oder Tuch. Im dichten Schatten der Baumkronen wacht Tyr, der einarmige Gott des bindenden Rechts und der unerschütterlichen Ordnung. Seine Gegenwart mahnt die Krieger daran, dass ein gebrochener Eid die gesamte Sippe verflucht, während Forseti als leiser Schimmer über der Versammlung liegt, um verhärtete Fronten zu versöhnen. Verweigert der Täter den Ausgleich, wird er für vogelfrei erklärt: Schutzlos ausgestoßen in den finsteren Forst, wo ihn jedermann ungestraft erschlagen darf.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Blaulicht spiegelt sich in den Fensterscheiben, die Beamten haben die Lage im Griff, und auf der Straße kehrt wieder Ruhe ein.
Wir haben das Recht in Gesetzesbücher und Streifenwagen gelegt, um in Frieden leben zu können. Doch wenn wir bei jeder noch so kleinen Reiberei sofort nach den Ordnungshütern rufen: Haben wir verlernt, Konflikte einfach mal selbst und von Angesicht zu Angesicht zu klären?

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