Wasn da los? Folge 37: Der schöne Schein
Ein Blick über die Straße oder ein Wischen auf dem Display: Perfekt definierte Muskeln, glänzendes volles Haar, eine Wespentaille wie aus dem Bildband. Der Blick bleibt unweigerlich hängen. Sofort springt das Kopfkino an – wie die Person sich wohl anfühlt, wie aufregend eine Nacht mit ihr wäre. Dating-Apps, Fitness-Studios und Social Media haben die menschliche Begegnung auf einen visuellen Sekundenbruchteil reduziert.
Wir bewerten Körper nach Katalogen, trainieren für die perfekte Silhouette und projizieren all unsere Sehnsüchte in eine makellose Hülle. Schönheit ist zur Währung geworden, austauschbar und ständig neu kuratiert. Doch hinter dem gestählten Bauch oder dem makellosen Lächeln lauert oft die Leere. Wir jagen dem schnellen Reiz hinterher, während der Mensch hinter der Fassade kaum eine Rolle spielt.
Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – in eine skandinavische Siedlung um das Jahr 920.
Am Rand des Thingplatzes treffen Blicke aufeinander. Auch die Menschen des Frühmittelalters wissen die Kraft der Anziehung zu schätzen – gepflegte Zöpfe, breite Schultern und ein stolzer Gang ziehen die Augen auf sich. Doch bloße Eitelkeit ohne Nutzen ist in dieser rauen Welt ein gefährlicher Luxus. Ein schöner Körper, der beim ersten Schneesturm erfriert oder beim Heben der Holzbalken versagt, taugt weder für das Überleben der Sippe noch für die harte Arbeit auf dem Hof. Anziehungskraft misst sich nicht an Posen, sondern an Lebenskraft, Ausdauer, geschickten Händen und einem wachen Geist.
Im warmen Glanz des Feuers weht der Hauch von Freyja durch die Halle. Die Göttin der Liebe, der Leidenschaft und der Fruchtbarkeit trägt das leuchtende Halsschmuckstück Brísingamen – sie verkörpert das reine, ungezähmte Begehren. Doch Freyja ist keine passive Schönheit: Sie ist eine Kriegerin, die auf ihrem Streitwagen über die Schlachtfelder zieht und die Hälfte der Gefallenen für ihren Saal Fólkvangr wählt. Die Menschen am Feuer wissen, dass wahre Leidenschaft eng mit Lebensmut und Stärke verknüpft ist. Wer damals ein Bündnis schloss, suchte einen Partner, der das Haus verteidigen, die Kinder durch den Winter bringen und im Sturm an der eigenen Seite stehen konnte.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Der Daumen wischt auf dem Display nach rechts, das nächste Profil lädt in Sekundenschnelle.
Wir haben die äußere Hülle perfektioniert und bis ins kleinste Detail inszeniert. Doch wenn der Rausch des ersten Blicks verflogen ist: Wie viel Substanz bleibt übrig, wenn ein Mensch mehr können muss, als einfach nur gut auszusehen?

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