Wasn da los? Folge 36: Die bezwungene Insel
Der Urlaubstag beginnt mit Meeresrauschen. Am Horizont zeichnet sich die Silhouette einer rauen Insel ab – steile Klippen, einsame Buchten, pure Idylle. Ein kurzer Check der Fährverbindung auf dem Handy, Ticket per QR-Code gescannt, und schon rollt der Wagen über die stählerne Laderampe auf das Autodeck. Oben auf dem Sonnendeck summen die kraftvollen Schiffsdiesel, Stabilisatoren bügeln die Dünung glatt, und während du an einem Cappuccino nippst und im Bord-WLAN surfst, gleitet die Fähre pünktlich wie ein Uhrwerk durch die Meerenge.
Für uns sind Inseln bequeme Ausflugsziele geworden. Egal wie abgelegen, felsig oder stürmisch ein Eiland im Ozean liegt: Moderne Katamarane, Fährlinien und Hubschrauber haben das Meer in eine geteerte Autobahn verwandelt. Eine Insel ist heute kein unerreichbarer Sehnsuchtsort mehr, sondern bloß ein Reiseziel nach Fahrplan.
Jetzt springen wir 1150 Jahre zurück – in die tosenden Gewässer vor den Orkney-Inseln um das Jahr 880.
Vor dem Bug des offenen Knorr-Schiffs schäumen die Wellen weiß auf. Das Wasser kocht in den gefürchteten Gezeitenströmen, wo zwei Meere mit unbarmherziger Gewalt aufeinanderprallen. Hier draußen gibt es keinen festen Fahrplan, kein Radar und keine schützende Passagierkabine. Wer damals versuchte, eine Insel zu erreichen, fuhr geradewegs in eine Festung aus mahlender Brandung und messerscharfen Riffen. Die Männer an den Riemen rudern um ihr nacktes Leben, während das Holz unter jedem Wellenschlag ächzt. Wer auf einem solchen Eiland strandete oder lebte, war monatelang von der Welt abgeschnitten – ausgeliefert der Kälte, dem Wind und dem endlosen Meer.
In den dunklen Wirbeln unter dem Kiel lauert Ran, die Meeresgöttin, bereit, ihr gewaltiges Netz auszuwerfen und gekenterte Seefahrer in die eisige Tiefe zu ziehen. Über den tosenden Brechern grollt das Lachen ihres Gatten Aegir durch den Gischtnebel, während der Wind die Gischt wie Nadeln in die Gesichter der Ruderer treibt. Am Steuerbalken hält der Steuermann den Blick starr auf das Leitgestirn gerichtet und flüstert ein Gebet an Njord, den Beherrscher der Winde, um die schmale Durchfahrt zwischen den Felsen lebend zu treffen. Eine Inselüberfahrt war keine Frage der Erholung, sondern ein Duell mit den Gewalten der Schöpfung.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Die Schiffssirene ertönt sonor, die hydraulische Rampe senkt sich quietschend auf den Betonkai, und die ersten Fahrzeuge rollen entspannt auf die Inselstraße.
Wir haben das Meer gezähmt und jede noch so ferne Klippe per Knopfdruck erreichbar gemacht. Doch wenn selbst die einsamste Insel ihren Schrecken verloren hat: Geht mit der mühelosen Ankunft nicht auch das Geheimnis der wahren Abgeschiedenheit verloren?

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