Wasn da los? Folge 35: Der süße Fluch


Der Kaffee dampft schwarz in der Tasse, der erste Schluck schmeckt herb und bitter. Ein Griff zum Zuckerstreuer: Zwei Löffel feines weißes Pulver rieseln hinein, kurzes Rühren mit dem Löffel – schon schmeckt das Heißgetränk sanft und gefällig. Nebenbei landet noch ein gezuckerter Donut auf dem Teller, in der Tasche wartet ein Schokoriegel für das Nachmittagstief, und die Limonade im Kühlschrank liefert mit wenigen Schlucken mehr Glukose als eine Mahlzeit vor Jahrhunderten.

Zucker ist das billigste und mächtigste Rauschmittel unserer Zeit. Er steckt versteckt in fast jedem Fertiggericht, in Saucen, Broten und Säften. Unser Gehirn belohnt jeden süßen Bissen mit einer Welle aus Dopamin, weil die Evolution uns darauf programmiert hat, energiereiche Nahrung gierig zu verschlingen. Doch was früher das Überleben sicherte, richtet heute schleichend Schaden an: Karies, Fettleber, Diabetes und Übergewicht sind die Quittung für eine Welt, in der wir im ständigen Zuckerrausch ertrinken.

Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – in die Wälder Skandinaviens um das Jahr 920.

Weißer Zucker existiert nicht. Wer nach einem langen Winter etwas Süßes auf der Zunge schmecken will, muss bis zum Hochsommer warten, um im Unterholz mühsam nach herben Walderdbeeren, Preiselbeeren oder Hagebutten zu suchen. Die einzige echte Quelle konzentrierter Süße ist wilder Honig. Doch an das goldene Elixier kommt man nicht im Vorbeigehen: Männer müssen auf uralte Bäume klettern, Rauch in Astlöcher blasen und stumme Schmerzen ertragen, wenn die wütenden Bienen zustechen. Honig wird wie flüssiges Gold gehütet – für Heilmittel, zum Konservieren von Fleisch oder für den heiligen Festtagsmet.

Im sanften Sommerwind über den blühenden Wiesen wacht Beyla, die Dienerin des Fruchtbarkeitsgottes Freyr, über das Summen der Bienenvölker. Nach altem Glauben tröpfelt der nährende Honigtau direkt aus der Krone der Weltenesche Yggdrasil auf die Erde herab. Die Menschen wissen: Reine Süße ist kein billiger Geschmacksverstärker, sondern ein seltenes Geschenk der Natur, das man mit Respekt und Bedacht teilt. Für die einfachen Bauern bleibt der Alltag herb, sauer und ungesüßt – ihre Zähne und ihr Körper kennen den süßen Überfluss nicht.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Der Kaffeelöffel klirrt am Tassenrand, der letzte Rest Zucker löst sich lautlos auf.

Wir haben uns den gesamten Alltag lückenlos versüßt. Doch wenn die Süße ihren Wert verliert und uns langsam krank macht: Wie bitter ist eigentlich ein Leben geworden, das ohne ständigen Zucker gar nicht mehr funktioniert?


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