Wasn da los? Folge 34: Wie auf Wolken
Ein Blick ins Schuhregal: Für jedes Wetter, jeden Untergrund und jedes Outfit steht das passende Paar bereit. Da sind die Laufschuhe mit extradicker Schaumstoffsohle, die jeden Schritt abfedern und sich anfühlen wie ein Gang über Moos. Daneben wasserdichte Membranstiefel für den Herbstregen, edle Lederschuhe fürs Büro und stylische Sneaker, die vor allem gut aussehen müssen – selbst wenn sie die Zehen nach zwei Stunden schmerzhaft einengen.
Wir haben unsere Füße in High-Tech-Burgen verpackt. Jeder Stoß wird gedämpft, jedes Fußgewölbe gestützt, kein Kieselstein dringt durch die dicken Gummisohlen. Doch während wir glauben, unseren Füßen den maximalen Komfort zu schenken, verkümmern die Muskeln im weichen Polster. Plattfüße, Fehlstellungen und Rückenschmerzen sind der Preis für ein Leben, in dem die Fußsohle den echten Erdboden fast nie mehr berührt.
Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – auf einen steinigen Pfad im Norden um das Jahr 920.
Hier gibt es keine Gelkissen und keine dämpfenden Luftkammern. Wer nicht barfuß über feuchte Wiesen und schlammige Wege läuft, trägt einfache Wendeschuhe aus gegerbtem Rinds- oder Ziegenleder. Die Sohle ist kaum zwei Millimeter dick, zusammengenäht mit Pechfaden. Jeder Kiesel, jede Wurzel, jede Unebenheit überträgt sich direkt auf die Fußsohle. Die Füße der Menschen sind kräftig, breit und zäh wie Leder selbst. Im Winter stopft man trockenes Moos oder Heu in die Schuhe, um der Kälte zu trotzen. Leder ist kostbar – wer ein Paar besitzt, pflegt und flickt es, bis die Sohle vollkommen durchgelaufen ist.
In den Erzählungen am Feuer wacht Vidar, der schweigende Gott. An seinem Fuß trägt er den dicksten und stärksten Stiefel aller Welten, geflickt aus all den kleinen Lederstreifen, die menschliche Schuster beim Zuschneiden der Sohlen als Verschnitt weggeworfen haben. Mit diesem Schuh wird Vidar einst beim Weltenbrand Ragnarök dem Wolf Fenrir auf den Unterkiefer treten, um das Ungeheuer zu bezwingen. Für die Menschen am Wegesrand war jeder Lederrest heilig und ein Schuh ein kostbares Gut des Überlebens.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Die dicken Schnürsenkel sind gebunden, die Sohle federt sanft über den harten Asphalt.
Wir haben den Schritt perfekt gedämpft, um schmerzfrei über Beton zu laufen. Doch wenn wir den echten Kontakt zum Boden komplett verlieren: Laufen wir auf Wolken – oder haben wir längst den Halt unter den Füßen verloren?

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