Wasn da los? Folge 33: Die Welt auf dem Teller
Es ist 20 Uhr, der Magen knurrt. Kochen? Keine Lust. Ein kurzer Blick aufs Smartphone: Lust auf knusprige Pizza vom Italiener, Gyros und Zaziki vom Griechen oder feurig mariniertes Bulgogi vom Koreaner? Drei Wischbewegungen später ist die Bestellung raus. Eine halbe Stunde danach klingelt es an der Tür, und dampfende Spezialitäten aus drei verschiedenen Kontinenten stehen auf dem Tisch.
Wir genießen die Aromen des gesamten Globus als alltägliche Selbstverständlichkeit. Frische Zitronen im tiefsten Winter, exotische Gewürze aus Fernost, Meeresfrüchte aus dem Mittelmeer – völlig unabhängig von Jahreszeit, Standort oder Uhrzeit. Unser Gaumen reist an einem einzigen Abend um die ganze Welt. Doch fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch schmeckte das Leben vor allem nach einem: nach harter, monotoner Routine.
Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – an eine Feuerstelle im Norden um das Jahr 920.
Auf dem groben Holztisch steht kein bunter Festschmaus. Tag ein, Tag aus dampft derselbe dicke, graue Brei aus Gerste und Hafer in der Tonschale, verfeinert allenfalls mit etwas getrocknetem Stockfisch oder ranzigem Schmalz. Salz ist ein kostbarer Schatz, Pfeffer oder gar exotische Kräuter sind Dinge aus Legenden. Die Menschen essen nicht für den Genuss oder die Abwechslung, sondern schlicht gegen das Verhungern. Was der karge Boden der Region im Sommer nicht hergibt oder im Rauchfang für den Winter konserviert werden kann, existiert auf dem Speiseplan schlichtweg nicht.
In den Erzählungen am Feuer träumen die Krieger von Walhall. Dort schlachtet der göttliche Koch Andhrimnir jeden Abend den Eber Sæhrímnir und kocht ihn im Kessel Eldhrímnir, damit die Gefallenen niemals Mangel leiden, während Göttin Idun ihre goldenen Äpfel der ewigen Jugend hütet. Doch auf der Erde, im rauchigen Langhaus, kratzen die einfachen Bauern mit Holzlöffeln die Reste vom Kesselboden. Ein Festmahl mit fremden Zutaten war den Göttern vorbehalten – für Sterbliche war schon eine Handvoll frischer Beeren im Sommer der reinste Luxus.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Der Lieferkarton ist geöffnet, der Duft von mediterranen Kräutern und geröstetem Sesam erfüllt den Raum.
Wir haben den Geschmack des gesamten Planeten in unserem Wohnzimmer versammelt. Doch wenn uns jede Delikatesse der Erde jederzeit hinterhergeworfen wird: Wissen wir den wahren Wert einer guten Mahlzeit eigentlich noch zu schätzen – oder stopfen wir uns nur noch beiläufig voll?

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