Wasn da los? Folge 32: Der Trank der Götter auf Abruf


Der Feierabend bricht an, die Füße liegen hoch. Ein Griff in den Kühlschrank: Zischt heute ein herbes Pils, ein fruchtiges Pale Ale oder doch ein dunkles Kellerbier? Oder steht der Sinn nach etwas Stärkerem? An der Bar warten ein torfiger Single Malt aus Schottland, ein schwerer Rum aus der Karibik und ein mit Botanicals verfeinerter Gin. Ein paar Schritte in den nächsten Getränkemarkt genügen, und du stehst vor endlosen Regalmetern voller Flüssigkeiten aus allen Winkeln der Erde.
Alkohol ist für uns eine beiläufige Selbstverständlichkeit geworden. Exakt temperiert, auf den Zehntelprozentpunkt destilliert, glasklar gefiltert und jederzeit in unbegrenzter Menge griffbereit. Wir trinken beim Kochen, beim Seriengucken oder einfach, um den Tag abzuhaken. Doch der Rausch war fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch ein rares, kostbares und fast magisches Gut.
Jetzt springen wir 1100 Jahre zurück – in ein friesisch-skandinavisches Langhaus um das Jahr 920.
Der Duft von feuchtem Malz, Wacholder und Rauch liegt schwer in der Luft. Hier gibt es keine Brennereien, keine sterilen Edelstahltanks und keine feinen Etiketten. Was in den Daubenbechern und geschnitzten Hörnern schäumt, ist trübes, rauchiges Grutbier oder seltener, honigsüßer Met. Das Brauen ist ein riskantes Handwerk: Ein falscher Hefepilz, ein gekippter Holzbottich, und die monatelange Arbeit einer ganzen Sippe verdirbt zu saurem Essig. Berauschende Getränke sind kein Feierabend-Snack für die Couch, sondern das Herzstück jedes Schwurs, jeder Sonnenwende und jedes Bündnisses.
Im flackernden Schein des Herdes rührt schemenhaft der Meeresriese Aegir in seinem gewaltigen Braukessel, aus dem der dampfende Sud für die Götterfeste emporsteigt. Am Kopf der Tafel sitzt ein Krieger, der sein Horn hebt, bevor der erste Tropfen seine Lippen berührt. Er denkt an Odin, der einst den heiligen Skaldenmet aus den Händen der Riesen raubte, um den Menschen Weisheit und Dichtkunst zu schenken. Wer damals trank, schüttete stets den ersten Schluck als Opfer in die Glut. Der Rausch war eine Brücke zur Anderswelt, ein geteiltes Band zwischen den Lebenden, den Ahnen und den Asen.
Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Eis klirrt leise im schweren Glas. Der bernsteinfarbene Tropfen brennt angenehm auf der Zunge.
Wir haben heute die Aromen der ganzen Welt in Flaschen abgefüllt. Doch wenn der berauschende Tropfen so alltäglich, billig und grenzenlos geworden ist: Wissen wir den Wert des Genusses eigentlich noch zu schätzen – oder trinken wir nur noch an der Magie vorbei?

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