Wasn da los? Folge 28: Koffer packen für die Seele


Der Urlaubsantrag ist genehmigt. Drei Klicks im Browser: Der Flug nach Mallorca oder Thailand ist gebucht, das Hotel reserviert, der Mietwagen steht am Terminal bereit. Freitagmittag fällt der Stift, der Laptop klappt zu – Wochenende, Feiertage, dreißig Tage bezahlter Jahresurlaub. Wenige Stunden später sitzt du mit einem kühlen Getränk in der Hand im Flieger, blickst entspannt über das Wolkenmeer und überlegst, an welchem Strand du morgen den Sonnenuntergang genießt.

Erholung auf Abruf, Reisen als reines Vergnügen – für uns die normalste Sache der Welt. Wir planen Wochenendtrips zum Abschalten und fliegen um den halben Globus, um den Kopf frei zu bekommen. Doch das Konzept, die Heimat nur zum Ausspannen und Vergnügen zu verlassen, ist eine Erfindung der Moderne.

Wir springen 1100 Jahre zurück – in die Wikingerzeit um das Jahr 920.

Auf einem wackeligen Knorr-Schiff peitscht salzige Gischt über die Planken. Der Nordatlantik tobt, grau und erbarmungslos. Wer hier an Bord geht, packt keinen Koffer für die Erholung. Jedes Ablegen ist ein Pakt mit dem Tod. Man verlässt den heimischen Fjord nicht zum Sonnenbaden, sondern aus nackter Not: um neues Ackerland zu finden, Handel zu treiben oder im Kampf Beute zu machen. Freizeit, bezahlter Urlaub oder ein langes Wochenende existieren nicht. Wer nicht sät, erntet nicht. Wer rastet, verhungert im Winter.

Njord, der Gott der Winde und Meere, thront unsichtbar in den tosenden Wellen. Er entscheidet mit einer Handbewegung, ob das Holz zerschellt oder der Wind die Männer weiterbläst. Am Bug steht ein junger Krieger, fest an das Ruder geklammert. In seinen Augen liegt keine Abenteuerlust, sondern die ständige Furcht vor Ran, der Meeresgöttin, die mit ihrem Netz nach den Seelen ertrunkener Männer fischt. Eine Reise bedeutete Abschied auf unbestimmte Zeit – oft für immer.

Wir kehren zurück in die Gegenwart. Das Flugzeug setzt sanft auf der warmen Landebahn auf. Die Klimaanlage summt, der Sicherheitsgurt klickt auf.

Wir jetten um die ganze Welt, um dem Alltag zu entfliehen. Aber wenn Reisen so mühelos geworden ist: Wissen wir den Wert des Ankommens überhaupt noch zu schätzen?


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